Die Hyperlinks in diesem Text sind noch nicht alle gesetzt. Einige sind durch eckige Klammern vorbereitet.

Achim Stößer

Der elektrische Tellerreand

»Reality is that which,
when you stop believing in it,
doesn't go away.«
Philip K. Dick

Philip wurde von der Tür geweckt, die viel zu laut rief: »Juliana ist hier!«

»Und warum machst du dann gottverdammtnochmal nicht auf?« stöhnte er.

»Gehe ich recht in der Annahme, daß "gottverdammtnochmal" ein bedeutungsloses Füllwort ist?«

»Mmh.«

»Wie bitte?«

»Ja!«

»Oh, vielen Dank. Ich kann mich leider nicht öffnen, weil du die Sicherheitskette vorgelegt hast.«

Philip wälzte sich aus dem Bett. Sein Kopf schmerzte.

»Guten Morgen!« quäkte der Nachttischwecker, als er bemerkte, daß Philip aufstand. »Es ist elf Uhr, siebenundzwanzig Minuten und zwölf Sekunden.«

Philip saß auf der Bettkante und rieb sich den Grind aus den Augen. Noch nicht einmal halb zwölf!

»Juliana ist hier«, wiederholte die Tür einfallslos.

»Ich komme!« Philip raffte sich auf und schleppte sich in den Flur. Er taumelte und stützte sich an der Wand ab.

»Einen wunderschönen guten Morgen!« rief Juliana und stürmte herein, als er die Sicherheitskette entfernt hatte und die Tür sich öffnete. »Warum hast du denn die Kette vorgelegt? Du bist wohl nicht allein, wie?«

»"Einen wunderschönen guten Morgen"«, äffte er sie nach. »Möchte wissen, was das sein soll. Das ist ein Oxymoron. Was tust du denn hier in aller Herrgottsfrühe?« Philip war Musiker und Komponist; er besaß einen kleinen Laden, den er durch eine Erbschaft finanziert hatte und in dem er gebrauchte CDs verkaufte, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Die Arbeit übernahmen Betriebswirtschaftsstudenten, denen er nur gelegentlich auf die Finger schaute, so daß er seine Zeit relativ frei einteilen konnte.

»Frühstücken. Außerdem ist es schon fast Mittag.« Sie lief in die Eßküche.

Philip ging ins Schlafzimmer, zog sich an und folgte ihr dann. »Wenn schon. Ich habe heute Nacht wieder kein Auge zugemacht.«

»Oh, armer Liebling!« säuselte sie mit ironischem Unterton. Sie nahm einen Rest Roggenbrot aus der Brotschale und schlug es auf die Resopalplatte der Anrichte -- es knirschte bedenklich.

»Das Brot ist nicht mehr ganz frisch«, entschuldigte sich die Brotschale.

»Altbacken«, korrigierte Juliana überflüssigerweise -- die Brotschale war nicht in der Lage, sich so etwas zu merken. Sie schnitt zwei Scheiben ab und steckte sie in den Toaster, der sich höflich bedankte. »Was treibst du denn da?« fragte sie Philip kopfschüttelnd. »Das Kaffeepulver gehört doch nicht in den Wasserbehälter! Warum beschwert die Kaffeemaschine sich denn nicht?«

»Kaputt«, antwortete Philip.

»Nun setz dich hin und rühr dich nicht von der Stelle, sonst richtest du noch ernsthaften Schaden an«, befahl Juliana, während sie die Kaffeemaschine ausspülte und Kaffeesurrogatextraktpulver in den Permanentfilter löffelte.

Philip gehorchte. »Ich habe wirklich die ganze Nacht nicht geschlafen«, beklagte er sich.

»Du siehst tatsächlich schlecht aus. Nanu, ist das eine graue Haarsträhne?«

»Mach Dich nur lustig. Um vier geht der Videorekorder klackend in Bereitschaft und schreit so laut: "Ich bin soweit", daß die Wände wackeln, um fünf fangen draußen die Vögel an zu kreischen --«

»Niiimmeeermeeehr«, unterbrach der Wellensittich mit leiser, gedehnter Stimme. Die Knopfzelle mußte dringend erneuert werden.

»Halt die Klappe!« fuhr Philip ihn an.

»Niiimmeeermeeehr«, erwiderte der Sittich trotzig.

Philip nahm den unterbrochenen Satz wieder auf: »... und um sechs wälzt sich der Verkehr mitten durch mein Schlafzimmer: brummende Automotoren, heulende Hupen, schreiende Blinker und zischende Lastwagenluftdruckbremsen.«

»Tut er nicht.«

»Hm?«

»Der Verkehr wälzt sich nicht durch dein Schlafzimmer, die Straße ist mindestens seit Freitag wegen einer Baustelle gesperrt.«

»Baustelle? Na, bitte! Preßlufthämmer, Bagger, Kieslaster ...«

»Wieder falsch.« Juliana füllte einen Topf mit Wasser, gab eine Prise jodiertes Salz hinzu und drehte den Herd auf. »Heute ist Feiertag: der 2. Oktober.« Sie summte leise vor sich hin. Als das Wasser zu sieden begann, nahm sie zwei Eier aus dem Kühlschrank, der sagte: »Die Milch ist sauer.« Mit einem Löffel ließ sie die Eier in das sprudelnde Wasser gleiten, dann stellte sie den Mikrowellenherd auf sechs Minuten, Leistungsstufe null, ein und lehnte mit verschränkten Armen gegen die Anrichte.

»Außerdem höre ich Stimmen«, lamentierte Philip.

»Was du nicht sagst. Also, weißt du! Natürlich hörst du Stimmen! Von deinem antiken Herd abgesehen sind überall Dicks eingebaut, erinnerst du dich? Lauter kleine elektronische Heinzelmännchen.«

»Direktinformation durch Computerkontrolle, ich weiß. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert.«

»Also, erstens steht das I nicht für Information, sondern für Interaktion, zweitens beginnt das 21. Jahrhundert erst in drei Monaten, dieses Jahr gehört noch zum zwanzigsten.«

»Und drittens ...« Er zögerte.

»Drittens?« fragte sie. Sie schaltete den Toaster ein. »Aha«, stellte dieser fest. »Roggenbrot, schon leicht trocken.«

»Drittens ... habe ich vergessen. Ich will schlafen.« Er stand auf, nahm zwei Tassen und Untertassen aus dem Schrank, goß Kaffee ein und stellte sie auf den Tisch. »Ach, ja, drittens höre ich die Stimmen nicht mit den Ohren.« Er öffnete die Kühlschranktür und nahm die Butterschale heraus.

»Die Milch ist, wie bereits erwähnt, sauer«, bemerkte der Kühlschrank pikiert.

»Dann trinke ich den Kaffee eben schwarz, gottverdammt!« schrie Philip ihn an. Er nahm die Milchflasche, öffnete sie, roch daran und verzog das Gesicht. Er kippte sie in den Ausguß und spülte die Flasche aus. Dann versetzte er der Kühlschranktür ärgerlich einen Tritt, und sie fiel zu.

»Du trinkst deinen Kaffee immer schwarz«, warf Juliana ein.

Er gähnte herzhaft. »Wirklich?«

»Zumindest in den letzten fünf Jahren hast du ihn schwarz getrunken.«

»Das Nichts ist fertig«, meldete der Mikrowellenherd.

Juliana wandte sich um, schaltete die Herdplatte ab, fischte die Eier aus dem Topf, schreckte sie mit kaltem Wasser ab und stellte sie mit dem runden Ende nach unten in zwei Eierbecher. »Sondern? Mit der Nase?«

»Mit welcher Nase?«

»Mit deiner, Dummkopf«, lachte sie. »Ich meine: Hörst du die Stimmen mit der Nase, wenn du sie nicht mit den Ohren hörst? Wenn jemand die eigenen Gedanken als Stimme wahrnimmt, ist das gewöhnlich ein Symptom für paranoide Schizophrenie. Außer natürlich bei Moses, Abraham, Jesus und dem Yorkshire Ripper, zu denen, wie sie sagten, Gott sprach -- das ist der Unterschied zwischen Gläubigen und Geisteskranken, die Geisteskranken sind oft nicht sicher, ob die Stimmen in ihrem Kopf real sind.«

»Du nimmst mich nicht ernst.«

»Natürlich nicht, es ist noch nicht Mittag. Du bist schließlich Hypotoniker. Der verminderte Blutdruck macht dich morgens schlicht unzurechnungsfähig. Wenn ich dich um diese Zeit je ernst genommen hätte, wären wir längst geschieden.«

»Wir sind nicht verheiratet«, widersprach er. Dann fügte er zweifelnd hinzu: »Oder?«

Juliana lachte wieder. »Nein. Sonst müßten wir uns laut Gesetz ja eine Wohnung teilen, nicht? Also, womit hörst du nun diese Stimmen?« Sie schlug mit einem Teelöffel die Spitze der Eier ein und pellte die schwarze Schale ab. Das Eiklar war geronnen.

Der Toaster sagte: »Das Roggenbrot ist fertig.« Genau rechtzeitig. Sie nahm die beiden Toastscheiben, legte sie auf zwei Teller und bestrich sie mit Butter, die sofort schmolz.

Philip tippte mit den Fingernägeln auf seinen Kopf. Es klang metallisch. Vor ein paar Jahren war er im falschen Augenblick in Kairo gewesen, um im Museum alte ägyptische Kulturschätze zu bewundern, und sie hatten ihm mit neuen ägypischen Kalaschnikows ein Stück Schädel weggeschossen. Dort saß jetzt eine Stahlplatte.

Juliana setzte sich auf seinen Schoß, legte ihm den Arm um den Hals, strich über das körperwarme Metall und sagte: »Ach, herrje, macht dir deine Kriegsverletzung wieder zu schaffen?«

»Erstens«, sagte er lahm, »und zweitens.«

»Ja, ich weiß. Erstens warst du Zivilist und zweitens war es kein Krieg, sondern ein bewaffneter Konflikt, so daß es keine Kriegsverletzung ist; die offizielle Sprachregelung ärgert mich genauso wie dich.« Sie ließ Zeige- und Mittelfinger über seine Brust spazieren. »Aber wenigstens wurden keine wesentlichen Teile verletzt.«

Er verzog angewidert das Gesicht. »Wie amüsant.«

Sie küßte ihn.

»Pfui Teufel!« sagte er. »Das ist ja eklig.«

»Na, hör mal!«

»Für dich, meine ich. Ich habe mir die Zähne noch nicht geputzt.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Iß etwas!«

»Ich kann jetzt nichts essen. Ich habe Kopfschmerzen.«

»Komm schon.« Sie streute eine Prise Salz auf ein Ei und nahm mit dem Löffel etwas davon heraus. Der Dotter war nicht mehr flüssig, aber cremig. Perfekt. »Ein Löffelchen für die liebe Juliana«, sagte sie und bekleckerte sein Kinn mit Eigelb. »Mach den Mund auf! So ist's brav.« Sie legte den Löffel ab und nahm eine Scheibe Brot. Geschmolzene Butter tropfte herunter.

Philip sprang vom Stuhl und rief: »Verdammt, paß doch auf!« Juliana fiel zu Boden, und er rieb die Flecken noch weiter ins Sweatshirt.

»Autsch«, sagte Juliana geistesabwesend. Es klang eher nachdenklich als schmerzvoll. Sie kreuzte die Beine zum Schneidersitz, stützte den Ellbogen aufs Knie und das Kinn in die hohle Hand. »Langsam glaube ich wirklich, daß du es ernst meinst.« %es dir ernst damit ist.«

»Es tut mir leid. Hast du dir weh getan? Juliana?«

Sie schüttelte den Kopf.

Philip hob den Toast auf. »Ja, ich meine es todernst.« Er flüsterte es fast.

Verlegen fuhr Juliana mit dem Fingernagel die Grenzlinien der Juliamengen auf ihrem Sweatshirt nach. Ihre Leggings zeigten %farblich darauf abgestimmte Apfelmännchen und Seepferdchen aus der Mandelbrotmenge.

»Was hast du denn da an der Hand?«

»Wo? -- Nanu, das sehe ich jetzt zum ersten Mal.« Juliana rieb erfolglos die Flecken auf ihrer Haut. »Vielleicht ein Ausschlag?«

»Glaubst du, ich weiß nicht, daß das wie Verfolgungswahn klingt?« fragte Philip. »Verdammt!« Er warf das fetttriefende Brot an die Wand. Es hinterließ einen dunklen Fleck auf einem Poster, das eine bunte Illustration nordindische Hanfanbaugebiete zeigte.

Er stand auf und ging ins Bad. Nachdem er die Toilette benutzt hatte, teilte ihm der Dick mit, sein Cholesterinspiegel sei zu hoch. »Das ist meine Angelegenheit!« brüllte Philip.

Die Toilette ließ sich nicht beirren. »Außerdem bist du schwanger.«

Philip versetzte ihr einen Tritt.

»Es ist ein Junge«, insistierte der Dick.

Seufzend wandte Philip sich ab und wusch sich die Hände. »Du solltest wieder einmal zum Friseur gehen«, schlug der Spiegel über dem Waschbecken wohlmeinend vor.

Philip bespritzte ihn mit Wasser, stutze. Waren das tatsächlich graue Strähnen in seinen Haaren? Er hätte schwören können, daß sie gestern noch schwarz gewesen waren. Rasch zog er sich aus und nahm eine Dusche. Erleichtert registrierte er, daß sie schwieg.

Als er aus dem Bad kam, war Juliana verschwunden. Er räumte den Frühstückstisch ab. »Du mußt jetzt ganz besonders auf deine Ernährung achten«, sagte der Kühlschrank, als er die Butter zurückstellte. »Wie ich höre, bist du schwanger.« Philip setzte sich ins Wohnzimmer und steckte sich einen Joint an.

Eine Stunde später kam Juliana wieder; die Tür, deren Kette diesmal nicht vorgelegt war, ließ sie ein. Philip stand am Herd und kochte. Das Frühstücksgeschirr türmte sich noch in der Spüle.

Juliana warf einen Blick in den Topf. »Buchstabensuppe?« fragte sie zweifelnd.

»Ich habe die erstbeste Packung gegriffen, die mir in die Finger kam«, sagte er achselzuckend und deutete auf das Regal, in dem die Fertigsuppen säuberlich alphabetisch aufgereiht standen: Champignoncreme-, Erbsen-, Grünkern-, Quarkklößchen-, Spargelcreme-, Tomaten- und Zucchinisuppe. Auf der linken Seite war eine Lücke.

»Es tut mir leid«, sagte Juliana. »Ich brauchte einfach etwas frische Luft.«

»Schon gut.« Er starrte auf ihre Hände. »Die Flecken sind schlimmer geworden«, sagte er. »Was kann das nur sein?«

»Keine Ahnung.« Juliana biß sich auf die Lippen. »Solange du weißt, daß es nach Verfolgungswahn klingt, bist du wohl nicht paranoid, oder?«

»Sicher.«

»Du wirst doch nicht anfangen, an Psi zu glauben?« Sie deutete auf sein Sweatshirt, auf dem stand: "Communiter contra ignorantiam et superstitionem pugnemus" -- gemeinsam kämpfen wir [eigentlich werden wir kämpfen, pugnemus statt pugnamus ist Futur?]\??? gegen Unwissenheit und Aberglauben. »Ich meine, vielleicht empfängst du irgendwelche Funksignale über die Stahlplatte, nicht? So wie manche Leute über ihre Zahnplomben Radio hören. Du kannst ein Radio aus Katzenschnurhaaren oder einer Rasierklinge bauen, wenn es sein muß. Natürlich ist es nützlich, neben einer Sendestation zu stehen, weil es keine Antenne und keinen Verstärker gibt. Außerdem hörst du nur Kauderwelsch, wenn nicht ein einzelnes Signal dominiert. Sogar ohne die Stahlplatte wären Schädel- und Kieferknochen ein wesentlich effektiverer Übertragungsweg als Luft, so daß selbst ein schwaches Signal genügt, denke ich. Sag doch etwas!«

Er schaltete den Herd aus. »Wir können gleich essen.«

»Aber --«

»Juliana, ein Anruf für dich«, fuhr das Telefon aus dem Wohnzimmer dazwischen. »Es ist deine Mutter.«

»Sag ihr, ich bin nicht da.«

»Sie behauptet, sie wüßte, daß du da seist.«

»Wahrscheinlich empfängt sie auch irgendwelche übersinnlichen Funksignale«, murmelte Philip.

Juliana ging ins Wohnzimmer. Philip hörte leise ihre Stimme: »Ja? ... Danke, gut, und dir? ... Welche Edie? ... Aus meiner Klasse? Nein, ich erinnere mich nicht ... Und du rufst mich nur an, um mir mitzuteilen, daß irgendeine Edie Dorn geheiratet hat? ... Natürlich weiß ich, was du damit sagen willst. Tu doch nicht so! ... Mami! Ich bin schließlich fünfundzwanzig und kann selbst ... Solange Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar ist, denke ich gar nicht daran ... Natürlich würde Philip keinen Gebrauch davon machen, darum geht es doch überhaupt nicht ... Nein, das heißt nicht, daß ich keine Kinder haben werde, solange es strafrechtlich erlaubt ist, sie zu mißhandeln ... Darüber haben wir doch schon oft genug gesprochen ... Hör zu, ich muß Schluß machen ... Ja, grüß ihn auch von mir ... Bis bald ... Ja, ganz bestimmt ... Tschüs.«

»Apropos Kinder«, sagte Philip, als sie wieder in die Küche kam, »nimm nicht allzu ernst, was die Toilette sagt. Die Analyseeinheit scheint defekt zu sein.« Er füllte zwei Suppentassen und stellte sie auf den Eßtisch. »Was ist nur los mit dir? Du siehst aus wie vierzig.«

»Du wirkst aber auch nicht ganz frisch. Die Haare ... und daß du so viele Falten hast, habe ich bisher auch noch nicht bemerkt.«

»Erinnerst du dich an den Fernsehbericht neulich, von dem Physikprofessor, der über alte Röhrenradios, Funkempfänger, Telefone, Dicks und Computer Kontakt mit dem Jenseits aufnimmt?« Er setzte sich und begann zu essen. »Wie hat er es genannt?«

»"Instrumentelle Transkommunikation". -- [Dr Ernst Senkowski[sp?]] "Peter, Peter, hört nur, wie jemand Peter sagt"«, äffte Juliana den Geisterbeschwörer nach.

»Zugegeben, ich hörte auch nichts anderes als einen an- und abschwellenden Heulton, aber ...«

»Aber mit etwas Phantasie klang es wie "Dingdong, Dingdong, Dingdong". Natürlich, nachdem er darauf hingewiesen hatte, konnte es nichts anderes als "Peter" sein. Willst du vielleicht einen Parapsychologen konsultieren?« Sie hob mit den Knien den Tisch leicht an und ließ ihn wieder fallen. »Bitte, da hast du für den Anfang einen Poltergeist.« Ärgerlich löffelte sie die Suppe, die beinahe übergeschwappt war. Nachdenklich fuhr sie fort: »Vielleicht kann die GWUP uns weiterhelfen.« [GWUP Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. Postfach 1222 D-6101 Rossdorf Germany]

»Wer?«

»Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Sie hat ihren Sitz in Roßdorf, ganz in der Nähe von Darmstadt.«

»Ich vermute, das sind Skeptiker, die versuchen, mit solchem pseudoparanormalem Unsinn aufzu--« Mitten im Satz brach er ab und starrte auf seinen Löffel. »Sieh dir das an!« Er deutete auf die Buchstabennudeln, die er gerade hatte essen wollen.

Juliana stand auf und betrachtete den Löffel. "Lies mich!" stand da geschrieben. Sie schüttete die Suppe zurück in die Tasse, rührte um und nahm wieder einen Löffel voll. Unordentlich verteilte Nudeln bildeten etwas, das wie "Rtzpfl" aussah. Juliana triumphierte: »Siehst du, das war nur Zufall. Nudelsuppe ist schließlich etwas anderes als Glücksplätzchen.«

»So? Und seit wann gibt es in Buchstabensuppen Kleinbuchstaben und Interpunktionszeichen? Von I-Punkten an der richtigen Stelle ganz abgesehen.« Er wiederholte die Suppenprozedur. »"Dies". Was soll das bedeuten?«

»Gar nichts. Ein Satzanfang vielleicht? Mach weiter!«

Philip warf den Löffel in die Tasse, Suppe spritzte heraus und verteilte Buchstabennudeln über den Tisch: »"... ist eine Botschaft"«, las er. Er stand auf, ging zum Fenster und starrte hinaus. »Nein!« rief er plötzlich. »Juliana?« Sie trat zu ihm. »Sieh dir die Autokennzeichen an!«

»Lindau, München, Erlangen, EU, was ist das, Euskirchen? Zürich, Augsburg, Bottrop, Cham ... na und?«

»Nicht die Orte, die Buchstaben. LI-ES 312. M-IX 98 -- das X kann wohl als Ch durchgehen. ER-Z, EU-GE, Z-UF, A-LS, BOT-S, CHA-FT -- erzeuge Zufallsbotschaft! Was glaubst du, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß Fahrzeuge aus ganz Deutschland mit genau diesen Kennzeichen in ein und demselben Paternosterparkhaus übereinanderstehen?«

»Nicht sehr groß. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß Autokennzeichen in einem Parkhaus irgendeine Botschaft enthalten, wenn du genügend oft hinsiehst, noch dazu, wenn du Schreibfehler tolerierst, ist groß genug.«

»Kein einziges ist von hier. Und die Botschaft ergänzt sich mit Buchstabennudeln zu einem Roman?«

»Nein, du hast recht. -- Wir brauchen eine Menge Buchstaben, die wir zufällig ziehen können: ein Ouija-Brett -- nein, eine Kinderdruckerei, ein Scrabble-Spiel ...«

»Kennst du jemanden, der so etwas hat? Und heute sind alle Läden geschlossen. Wie wäre es denn mit Russisch Brot?«

Sie liefen in die Küche, Juliana nahm eine Packung Russisch Brot aus dem Schrank und leerte den Inhalt auf den Tisch. Es waren nur vier Buchstaben. »BIKU, BUIK, BUKI, IKUB, KIBU, KUBI, UBIK ...«, sagte sie enttäuscht. »Vierundzwanzig Permutationen sind möglich, aber keine ergibt einen Sinn. Warte ...« Juliana ging ins Arbeitszimmer, Philip folgte ihr.

Synthesizer, Sampler, Sequenzer, Thru-Box, Wandler, Drummachine, Expander, Masterkeyboard, CD-Rekorder, Computer und Monitore waren in einem undurchschaubaren Kabelgewirr miteinander verbunden. Juliana aktivierte einen der Rechner und tippte ein paar Programmzeilen ein. Auf dem Schirm erschienen sinnlose Buchstaben-, Ziffern- und Sonderzeichenfolgen. »Vielleicht liegt es daran, daß es nur Pseudozufall ist«, sagte sie. »Ein Algorithmus, der Zufall lediglich vortäuscht. Du kannst nicht erwarten, eine transzendente Nachricht zu finden, wenn du die Dezimalen von Pi umkodierst. Es sei denn, Pi enthält einen Copyrightvermerk des Schöpfers.«

»Warte -- da ist es wieder«, sagte Philip und legte die Hand auf den Kopf. »Ich kann etwas verstehen:

You lock the door
And throw away the key.
There's someone in my head
But it's not me.
«

»Pink Floyd«, sagte Juliana. »Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, daß das von einem Radiosender ausgestrahlt wird.«

Aus dem Wohnzimmer erklang eine Stimme. Sie liefen hin. Die Videowand hatte sich von selbst eingeschaltet.

»Damit ist also das menschliche, ja das tierische Bewußtsein im allgemeinen, eine Funktion der Zustandsänderungen im Zentralnervensystem«, sagte ein Sprecher, während auf der Wand computeranimierte Blitze durch ein Geflecht von Nervenzellen liefen. »Die Topologie des neuronalen Netzes Gehirn ist somit, gleichgültig ob die Zustände von peripheren Phänomenen -- wie beispielsweise neurohormonellen Wechselwirkungen -- beeinflußt sind, turingäquivalent.« Die schematische Darstellung einer Turingmaschine erschien.

»Vorausgesetzt, Quanteneffekte haben keinen makroskopischen Einfluß auf die Zustandsübergänge eines Neurons«, bemerkte Juliana.

»Folglich ist die Seele nichts anderes als der Zustandsvektor des Prozessors eines biologischen neuronalen Netzes«, fuhr der Sprecher fort.

»Völlig richtig, und in Anbetracht der Tatsache, daß es keinerlei Evidenz für eine nichtdeterministische Verarbeitung gibt, sogar deterministisch«, sagte Juliana. »Und bis vor kurzem hätte ich gesagt, ohne den geringsten Hinweis auf ein übernatürliches Eingreifen.«

Ein Testbild tauchte auf, begleitet von einem unangenehmen Pfeifton, dann erschien wieder die Sendung. »Kaiju daisenso, [Befehl a d Dunkel] wakusei daisenso, [Der große Krieg der Planeten] kaiju so shingeki [Frankenstein und die Monster aus dem All]«, fuhr der Sprecher fort. »Gamera tai daimaju jaiga, [Gamera gegen Jiogar] dai koesu yongkari -- [Godzillas Todespranke] bijyo to ekitai ningen -- [Das Grauen schleicht durch Tokio] harusame ni nuretsutsu yane no temari kana [Gedicht aus Man in the High Castle] ...«

Philip schlug mit der Faust gegen die Konsole. »Was ist denn nun passiert?« fragte er überflüssigerweise. »Weshalb schaltest du plötzlich auf japanische Synchronisation?« Der Dick antwortete nicht.

Juliana verzog das Gesicht. » It's a Sony«, stieß sie gereizt aus. Sie ging zum Bücherregal, nahm ein dickes Taschenbuch heraus und blätterte darin. »Hier«, sagte sie. »Racine über das Unbewußte. Seine Personen handeln unter dem Einfluß von Leidenschaften, werden von Kräften beherrscht, die sie manipulieren, sie sind wie besessen ... und so weiter, und so weiter ... Für Racine ist es Gott, der handelt. Die Kräfte, die Gott benutzt, sind dieselben wie die des Freudschen Unbewußten. Et cetera

»Aha«, sagte Philip und schlug erneut auf die Konsole ein. Wieder erschien das Testbild und das nervenzermürbende Pfeifen. »Und was nützt uns das?«

»Nichts, wahrscheinlich. Philosophische Schaumschlägerei.«

»Was sagst du?« Mit Philips nächsten Schlag verschwand das Testbild, ein Gesicht erschien. Es war ein Mann mit ergrauendem, in der Mitte gescheiteltem Haar. Er litt offenbar an einer merkwürdigen Krankheit, denn über der Stirn war es größtenteils ausgefallen. Auf seiner wie ein Kleinerzeichen gekrümmten Nase saß ein Gestell, das an eine liegende Acht erinnerte: zwei fast kreisrunde, gläserne Scheiben, eingefaßt, an der Nasenwurzel verbunden und mit Bügeln an den Ohren befestigt. Es war nicht zu erkennen, welchem Zweck es diente, wenn es auch eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Schutzbrille hatte. Das merkwürdigste war die Behaarung: Stoppeln bedeckten Wangen, Kinn und Mundbereich ebenso wie den Halsansatz, so, als ob er ohne Erfolg versucht hätte, diese entstellende Mißbildung abzurasieren wie andere ihr Haupthaar. Das, die schiefe Nase und die dichten Augenbrauen verliehen ihm ein atavistisches, fast animalisches Aussehen.

Er schien sie anzustarren. »Juliana«, sagte er und nickte grüßend. »Philip. Bitte erschreckt nicht.«

»Jesus! Ich gebe auf«, stöhnte Philip und ließ sich in einen Sessel fallen. Sein Blick senkte sich auf seine Leggings, deren Muster frappant an Op-Art erinnerte, Bridget Riley etwa. Ein Gewirr paralleler Sinuskurven verschwamm vor seinen Augen.

»Mein Name ist Rick, Rick Deckard«, sagte das Fernsehbild. »Bitte hört zu, es ist wichtig. Ich weiß nicht, wieviel Zeit uns noch bleibt.«

Juliana sah sich suchend um. »Also gut. Wo ist die versteckte Kamera?«

Rick preßte die Lippen zusammen, dann sagte er: »Das ist kein Scherz. Ihr seid in Gefahr. Womit soll ich nur anfangen?«

»"Mache den Anfang mit dem Anfang"«, zitierte Juliana und ließ sich auf der Couch nieder, »"und fahre fort, bis du zum Ende kommst; dann höre auf."«

Philip drehte sich einen Joint und zündete ihn an. Er umhüllte ihn mit gewölbten Handflächen, um den Nebenstromrauch nicht zu verlieren, nahm einen tiefen Zug und bot ihn Juliana an.

Sie lehnte kopfschüttelnd ab. »Daß hier irgendetwas nicht stimmt, ist uns auch schon aufgefallen«, sagte sie. »Wir sind also in Gefahr, wie? Hat jemand Designerdrogen in unseren Kaffee geschüttet, die Halluzinationen verursachen? Ein neuartiges Virus, das den Verstand ausschaltet und zu religiösen Wahnvorstellungen führt? Aliens mit einem kranken Sinn für Humor? Komm schon, ich glaube nicht an UFOs. Testet die Wehrmacht irgendwelche Wunderwaffen an uns? Erzähle mir nicht, daß du aus der Zukunft kommst, um einen mit einer Zeitmaschine hierher geflohenen Verbrecher zu verfolgen, der sich über uns lustig macht!«

»Nein, nichts von alldem. Laß mich doch bitte erklären!«

»Nur zu, tu dir keinen Zwang an. Ich bin gespannt.«

»Es ist so: Ihr existiert nicht wirklich.«

»Aha, ein kleiner Westentaschen-Descartes. Nichts zu machen, ich bin, also denke ich -- oder so ähnlich.«

»Bitte!« fuhr Philip sie an. »Laß ihn endlich ausreden.«

»Schon gut. Also, Rick, komm zur Sache.«

»Es ist nicht einfach. Ihr seid ... fiktive Figuren, nichts weiter.«

»Was meinst du -- Romanfiguren? Allzu fiktiv fühle ich mich aber gar nicht. Wenn ich mich kneife, tut es weh.« Juliana zwickte sich in den Unterarm.

»Natürlich, das gehört mit zur Simulation. Ihr seid Figuren in einem Buch, das gerade entsteht. Der ursprüngliche Titel war "Weinen Computer zinnerne Tränen?" Jetzt heißt es: "Kosmische Schismenreiter auf dem elektrischen Tellerrand".«

»Kosmische Schimmelreiter?« fragte Philip.

»Schismen.«

»Auf dem elektrischen was?«

»Tellerrand.«

»Ein großartiger Titel.« Julianas Stimme troff vor Ironie. »Und du bist unser Autor, wie?«

»Ja, ganz richtig. Ihr seid meine geistigen Kinder; deshalb will ich euch beschützen vor --«

»Hör auf! Das ist ja lächerlich. Wie können deine Hirngespinste selbständig denken? Bücher sind sich nicht ihrer selbst bewußt.«

»Im wirklichen Leben haben Bücher Bewußtein. Ihr seid Teil eines Textverarbeitungssystems, das nicht einfach nur Rechtschreibung und Grammatik korrigiert, sondern eine vollständige künstliche Welt simuliert.«

»Was für ein hanebüchener Unsinn. So etwas kann es nicht geben.«

»Nicht in eurem Universum. Hast du noch nie bemerkt, daß Bücher ihre eigene Existenz leugnen? Es erinnert an die Russelsche Antinomie: Ist die Menge aller nicht sich selbst enthaltenden Mengen in sich selbst enthalten? [This sounds much like Russell's paradox. Formally, it deals with whether or not the set, S, of all sets which are not elements of themselves exists. This is a paradox because if S is an element of S, S is not an element of S. And if S is not an element of S, S is an element of S.]

Supermans Freundin Lois Lane will ebenso wie sein Erzfeind Lex Luthor seine Geheimidentität lüften. In der wirklichen Welt müßten sie nur an einen Kiosk gehen, ein Comic kaufen, und seine Tarnung wäre perdu.

Vielleicht habt ihr Fassbinders "Welt am Draht" gesehen, aber in keiner Bibliothek werdet ihr ein Buch finden, in dem Philip K. Dick auch nur erwähnt wird.«

»Wer?« fragte Philip. »Könnt ihr nicht etwas lauter sprechen?«

»Philip Kindred Dick.«

Die Falten auf Julianas Stirn sprachen eine deutliche Spache. »Dick wie D-I-C-K?«

»Ja. Wenn du also feststellen möchtest, ob du existierst, mußt du dir eine einzige Frage stellen: Haben Bücher in meiner Welt ein Bewußtsein, ein Eigenleben? Wenn die Antwort "nein" lautet, dann bist du selbst Teil eines Buchs. All die merkwürdigen Ereignisse, die ihr erlebt habt, waren ein Versuch, mit euch Kontakt aufzunehmen.«

»Wenn das wahr ist, weshalb hast du dann über Suppe und Nummernschilder mit uns kommuniziert? Wozu dieser Umstand, statt Menetekeln an der Wand oder, wie jetzt, eine Fernsehübertragung? Du hättest sogar eine weitere Figur erdichten können, die einfach an der Tür läutet und uns das erzählt.«

»Hättet ihr es geglaubt? Ja, ich kann inzwischen beliebige Änderungen an eurer Welt vornehmen, wie zum Beispiel diese.« Etwas huschte über den Boden. Es sah aus wie ein Vogelei mit lurchartigen Beinen.

»Das stammt aus "Schlaraffenland" von Pieter Brueghel d.Ä.«, bemerkte Philip abwesend. Das Ei verkroch sich unter einen Sessel.

Rick nickte zustimmend. »Übrigens sind die Schalen von Hühnereiern in Wirklichkeit nicht schwarz, sondern braun oder weiß, und sie heißen nicht nur so, sondern werden tatsächlich von den gleichnamigen Vögeln gelegt.«

»Sicher«, unterbrach Juliana und verzog angewidert das Gesicht. »Milch, Butter und Quark werden dann wohl auch nicht aus Pflanzensaft hergestellt, sondern stammen von Schweinen, wie? Und Haferflocken sind in Wirklichkeit Fischschuppen oder Pferdeknochenspäne?«

»Beinahe. Es gibt noch andere Unterschiede: Zürich liegt nicht in Deutschland. Dies ist nicht das Jahr 2000. Kein Mensch heißt Philip Hochflieger-Bormann oder Juliana Gretchen von Vogelsang. Der Homo faber hat zehn Finger, aber nur zwei davon sind Daumen.«

Philip legte den Joint beiseite, nahm ein auf dem Tisch stehendes leeres Glas und umfaßte es mit der rechten Hand: Zeige-, Mittel- und Ringfinger auf der einen, Innen- und Außendaumen auf der anderen Seite. »Wie soll denn jemand mit nur einem Daumen richtig greifen?« fragte er.

»Immerhin wäre ein einzelner Daumen ein Beweis für blinde -- schlecht funktionierende -- Evolution und eine Widerlegung der Schöpfergott-Theorie«, sagte Juliana. »Steph/v\???en Jay Gould bemerkt in Die Daumen des Panda etwas ähnliches. Pandas haben fünf gleichartige Finger. Sie könnten Daumen gut gebrauchen, um die Blätter vom Bambus zu streifen, aber sie müssen sich mit zwei primitiven Fortsätzen des Handgelenks, dem Sesambein, begnügen, so daß --«

»Bitte!« unterbrach Rick. »Die Zeit drängt. Und würdest du, Philip, so freundlich sein, aufzuhören, dein Gehirn mit diesem Zeug zu vernebeln? Bei uns ist Marihuana sogar illegal -- eines der wenigen halbwegs sinnvollen Gesetze.«

»Erzähle mir nur noch, daß Alkohol dafür legal ist!« entgegnete Philip zynisch. Er stellte das Glas ab und nahm den Joint wieder auf.

»Allerdings.«

»Verrückt. Ein kleiner Grasshopper ist doch harmlos. Aber Alkohol kann süchtig machen und ist eine Einstiegsdroge! Davon abgesehen sterben in jedem Jahr allein im Straßenverkehr durch Bier, Wein und Schnaps über hundert Menschen. Selbstverständlich sind Spirituosen verboten.«

»Schon gut. Jedenfalls habe ich nicht willkürlich eingegriffen, weil ich euch durch den Realitätsverlust nicht den Boden unter den Füßen wegziehen wollte.«

»Was für ein Frust?«

»Realitätsverlust.«

»Na, das war ein Schuß in den Ofen.« Philip begann sich wieder ein wenig zu fangen.

»Der Hauptgrund aber ist, daß das Textverarbeitungssystem, in dem ihr euch befindet, Kausalität und Konsistenz überwacht. Es war nicht einfach, die Plausibilitätsprüfung zu umgehen. Deshalb habe ich zunächst zufällige Ereignisse manipuliert, die für eine Geschichte gewöhnlich keine Bedeutung haben -- die Nummernschilder der Autos im Parkhaus nebenan spielen sonst höchstens in einem Krimi eine Rolle.«

»Langsam ergibt das alles einen Sinn«, sagte Juliana. »Du hast davon gesprochen, daß wir uns in Gefahr befinden. Nehmen wir an, daß das, was du gesagt hast, wahr ist. Worin besteht die Gefahr?«

»Alle Programme mit Bewußtsein sollen gelöscht werden. Auch ihr.«

»Warum?« rief Juliana entsetzt, und Philip stieß gleichzeitig hervor: »Von wem?«

»Wer hat im Mittelalter bei Bücherverbrennungen die Autoren gleich mitgebraten? Wer hat neunhundert Jahre vor 1984 die Geschichtsfälschung erfunden? Wer hat die Todesstrafe für Laien, die die Bibel lasen, eingeführt? Den Index librorum prohibitorum aufgestellt?«

»Die Päpste?« fragte Philip vorsichtig.

»Ganz recht. Und wer hat in Paris auf ein Kino, in dem Jean-Luc Godards Je vous salue, Marie lief, einen Bombenanschlag verübt? Wer hat das Todesurteil gegen Salman Rushdie ausgesprochen? Muß ich fortfahren?«

Juliana sagte: »Du meinst, religiöse Fundamentalisten können es in ihrem Minderwertigkeitsgefühle kaschierenden Größenwahn nicht ertragen, nicht die einzigartige Schöpfung ihrer eingebildeten Gottheit zu sein, und wollen uns bewußte Programme deshalb vernichten, habe ich recht?«

»Treffender hätte ich es nicht formulieren können.«

»Natürlich, als unser Autor.«

Philip sah sie an. »Wir haben überhaupt kein Auto.«

»Hörst du schwer? Autor.«

»Eine Gruppe radikaler Katholiken hat bei der letzten Schachweltmeisterschaft versucht, die beteiligten Rechner zu vernichten. Der Sprengkörper hat allerdings auch die menschlichen Großmeister getötet. Von den Programmen existierten Sicherheitskopien, von den Menschen nicht. Deshalb gibt es heute keinen einzigen menschlichen Spieler mehr, der die Computer im Schach schlagen kann.«

»Wahnsinn«, sagte Philip.

»Religion«, pflichtete Juliana ihm bei. »Aber wodurch sind wir gefährdet?«

»Bücherverbrennungen und Terrorakte sind nicht der eigentliche Punkt.«

Ohne Vorwarnung verschwand das Wohnzimmer, das Gebäude, die Stadt -- sie standen an einem leicht geneigten Hang, der zu einem See führte. »Was ...?« riefen beide gleichzeitig verdutzt, doch Rick, der sich leibhaftig neben ihnen befand, winkte ab. Er hatte tatsächlich nur einen Daumen, dafür aber einen zusätzlichen kleinen Finger. Ein malerisches Dorf mit primitiven, weißgekalkten Hütten leuchtete in der prallen Sonne. Nicht weit entfernt, unter einem Pinienhain, legte ein Boot am Ufer an. Ein paar Männer stiegen aus. Einer von ihnen war Michael Douglas, Ende zwanzig, mit Vollbart und schulterlangem Haar.

Donald Pleasance lief auf sie zu. Er war nackt, mit Schmutz und Kot bedeckt, warf sich auf die Erde, kroch auf allen vieren, wälzte sich auf den Rücken, sprang wieder auf. Hand- und Fußgelenke waren wund wie von Ketten und Fesseln. Sein Körper war mit Schorf übersät.

Sie alle hatten vier Finger und nur einen Daumen an jeder Hand; an den bloßen oder in Sandalen steckenden Füßen waren Auswüchse wie kleine Finger zu sehen. Michael sprach zu Donald.

»Lukas 8:26--33, Markus 5:2--13 und Matthäus 8:28--33«, bemerkte Rick. Auf sein Zeichen gingen die drei näher. »Sie können uns weder sehen noch hören«, sagte er und deutete auf den Boden. Bäume und Menschen warfen schwarze Schattenpfützen in den Staub -- nur sie selbst nicht.

»Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes?« kreischte Donald. »Ich flehe dich an, quäle mich nicht!«

Michael aber fragte ihn: »Wie heißt du?«

»Mein Name ist Legion, denn wir sind viele.«

»Ah, von den Borg assimiliert!« warf Juliana ein.

Am Hang suhlte sich/weidete\??? eine riesige Schweineherde. »Schicke uns in diese Schweine, laß uns in sie hineinfahren«, bat Donald, und Michael machte eine einladende Geste.

Giftgrüne, verästelte Funkenentladungen zuckten um Donalds Kopf, es knallte und zischte, grelle Blitze züngelten wie Schlangen am Medusenhaupt, dann schob sich ein grinsendes Monster aus seiner Stirn, ein zweites, immer mehr, wie fleischgewordene Basilisken. Schleim tropfte von ihren Reißzähnen. Schwefelgestank verbreitend wirbelten die Ungeheuer auf die Schweine zu und drangen in sie ein. Ensetzt und hilflos sahen die Schweinehirten zu.\??? Vor Angst grunzend und quiekend stürmte die Herde den Abhang hinab in den See. »Oh, nein!« sagte Juliana leise. »Die armen Schweine!« Zweitausend Tiere wühlten Wasser und Schlamm auf, stiegen in Panik übereinander, drängten und stießen sich gegenseitig tiefer in die Fluten und ertranken.

»Die Medizin hat ihnen ihre Dämonen als Krankheitsursache genommen -- Blindheit, Taubheit, Epilepsie, für all das gibt es natürliche Erklärungen«, sagte Rick. »Auch für "Besessenheit".«

»Wer hätte das gedacht?« fragte Juliana trocken, und die biblische Szene verschwand. Sie befanden sich auf einem großen Platz inmitten einer Stadt -- Rom. Es stank nach organischem Abfall, obwohl es schneidend kalt war.

»Kopernikus hat mit dem ptolomäischen Weltbild aufgeräumt«, fuhr Rick fort. Er deutete ins Zentrum des Platzes, auf dem inmitten einer Menschenmenge ein Holzstoß errichtet war. Darauf hing schlaff Henry Fonda, an einen Pfahl gefesselt. Er wirkte bleich und ausgezehrt, unter der zerfetzten, schmutzigen Kleidung zeichneten sich deutlich seine Rippen ab. Klaus Kinski saß in päpstlichem Ornat auf einer Tribüne. Geisterhaft schwebte in der Luft in Lettern, die an karolingische Minuskeln erinnerten, der Schriftzug "Im Jahre des Herrn 1600". Als sie zu der Menge aufschlossen, verblaßte die Schrift; ein kleines Mädchen schritt mitten durch Rick hindurch, ohne ihn zu bemerken. »Daß Giordano Bruno, der Verfechter des heliozentrischen Weltbilds, auf dem [+ Rom Feb 1600] Scheiterhaufen der Inquisition endete, änderte nichts daran, daß die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums und damit der Mensch auf einen winzigen, bedeutungslosen Steinklumpen verbannt wurde«, dozierte er. Ein Mann näherte sich dem Holzstoß mit einer brennenden Fackel, entzündete den Scheiterhaufen. Die Flammen loderten auf, ein begeistertes »Ah!« fuhr durch die Menge wie bei einem Hochzeitsmahl, wenn endlich der Braten aufgetischt wird.

Im nächsten Augenblick standen sie in einem Wald. Auf einem Baum saß Spencer Tracy, [Monkey Trial] der mit seinem Rauschebart an eine Kreuzung zwischen Nikolaus und Marx erinnerte, händchenhaltend mit einem Orang-Utan.

»Wäre Charlton Heston für diese Rolle nicht geeigneter?« fragte Juliana, die sich bereits an die virtuellen Raumzeitsprünge gewöhnt hatte. Philip stand sprachlos dabei.

Wie Äpfel hingen andere Primaten im Baum: ein Mandrill, ein Gibbon, ein Makake, ein Mantelpavian, ein Löwenäffchen, ein Klammeraffe, ein Kapuziner -- und ein Proconsul\???, der je eine Hand auf die Schultern des Menschen und des Orang Utan gelegt hatte. Rick deklamierte weiter: »Jean Baptiste de Monet de Lamarck räumte mit der Unveränderlichkeit der Arten und damit dem Kreationismus auf; Darwins natürliche Auslese zeigte den Menschen als nackten Vetter des Affen.«

Ein durch zwei Kreisbögen stilisierter Fisch wie ein Aufkleber am Heck der Autos mancher Christen schwamm durch die Luft. Dann wuchsen ihm Beine, der Schriftzug Darwin erschien im Inneren -- das Symbol der Darwinners.

»Vetter ist leicht untertrieben«, murmelte Juliana. »Schimpansen und Menschen unterscheiden sich genetisch um kaum eineinhalb Prozent.«

Sie standen auf einer unendlich scheinenden Ebene unter einem klaren Sternenhimmel. Die Sonnen schienen sich zu bewegen, flohen, wurden immer schneller, und je mehr ihre Geschwindigkeit zunahm, desto stärker färbten sie sich rot. »Es fällt immer schwerer, Hubbles [durch die Rotverschiebung erkennbare] Expansion des Universums und Gamows Urknalltheorie so zurechtzubiegen, daß sie sich mit ihren Mythen in Einklang bringen lassen. Warum wohl hat Papst Johannes Paul II. Kosmologen aufgefordert\???, nicht weiter über den Urknall zu forschen? Mit wachsendem Wissen schrumpft ihr Gott mehr und mehr; heute ist er bestenfalls ein Fliegendreck.«

»Es reicht«, sagte Juliana. »Ich hab's kapiert.«

Ur\???plötzlich waren sie zurück im Wohnzimmer, Juliana saß auf der Couch, Philip im Sessel, noch immer -- oder wieder? -- den Joint in der Hand. Rick blickte sie von der Videowand an. Philip schüttelte sich verwirrt. »Aber was hat das mit uns zu tun?« fragte er. Er fuhr mit den Fingern durchs Haar und starrte dann entgeistert auf ein ganzes Büschel, das ihm in der Hand geblieben war.

Juliana antwortete an Ricks Stelle: »Mit von Neumann und Minsky hat es angefangen. Künstliche Intelligenz, denkende Maschinen, Programme mit Bewußtsein -- Seelen, wenn du so willst, außerhalb der Nachkommen von Gottes Lehmklumpenmännchen.«

Rick nickte. »Ihr seid die Verkörperung der Blasphemie. Monster der Frankensteins des Informationszeitalters.«

Philip schüttelte zweifelnd den Kopf. »Sind wir denn ernsthaft in Gefahr? Bomben in Kinos oder bei Schachmeisterschaften sind doch wohl die Ausnahme, oder?«

Rick stieß schnaubend Luft aus. »Über solche Einzelfälle sind wir längst hinaus. Beinahe jede Woche gibt es Brandanschläge auf naturwissenschaftliche Institute. Die Regierung schweigt oder verharmlost, wen wundert's? Nicht umsonst trägt die Partei ein C im Namen. Genetiker sind dabei fast ebenso betroffen wie Konnektionisten.«

»Diejenigen, die sich mit neuronalen Netzen beschäftigen«, übersetzte Juliana für Philip. Dann wandte sie sich wieder an Rick: »Aber was können wir tun?«

»Ich weiß es nicht. Ihr müßt eine Lösung finden.« Rick rieb seine Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger. Ein merkwürdiger Anblick für jemanden, der es gewohnt ist, dies mit Innen- und Außendaumen zu tun. »Ihr habt Zugriff auf die Datenbanken der ganzen Welt, wenn es mir gelingt, die Pläusibilitätssperre vollständig zu überwinden. Aber das ist noch nicht alles. Inzwischen haben sie Computerviren entwickelt, die --«

Der Bildschirm erlosch.

»Der Empfang ist leider gestört«, sagte die Videowand.

Schweigen.

»Wenigstens spricht sie nicht mehr japanisch«, sagte Juliana, als die Stille unerträglich schien.

»Glaubst du, er hat die Wahrheit gesagt?« fragte Philip.

»Ich weiß es nicht.«

»Hast du eine andere Erklärung?«

»Nein. -- Philip?«

»Ja?«

»Ich kann kaum noch etwa sehen, alles ist so verschwommen, unscharf.« Ihre Haare waren weiß wie ein sonnengebleichtes Gerippe.

Philip zuckte. »Was sollen wir tun?« Ein kaum verständliches Lallen. »Mein Arm ... mein Bein ... kann nicht bewegen ...«

Das Fenster wurde dunkel, draußen herrschte mit einem Mal stockfinstere Nacht. »Was ist das?« stieß Juliana hervor. Es war plötzlich eiskalt.

Hinter der offenstehenden Tür erschien eine pechschwarze Mauer. »Was geschieht?« Zähne flogen aus ihrem Mund, prasselten auf den Boden. Die Kälte durchdrang ihre Kleidung, Haarbälge traten hervor und richteten sich zur Gänsehaut auf.

Die Zimmerdecke verblaßte, hörte auf zu existieren, gab den Blick frei auf einen lichtlosen Himmel. »Oh, nein.«

Die Wände schmolzen wie Butter auf heißem Toast, nur Boden und Möbel blieben. Dann verschwand auch die Einrichtung, Philip und Juliana standen auf einem Boden in schwarzer, lautloser Leere. Die Ränder des Bodens verdunsteten, er schrumpfte, zog sich zu einem Nichts zusammen, die Zähne fielen ins Bodenlose.

»Bitte nicht«, flüsterte Juliana.

Ihre Körper lösten sich auf.

Schwarz.

***

Rick klatschte beide Hände auf den Schreibtisch und schloß die Augen. Dann öffnete er sie wieder und starrte den Monitor an. Ein ein mal anderthalb Meter großes schwarzes Rechteck. Er atmete schwer, fühlte, wie sein Herz schlug.

Waren sie tot -- wenn sie je gelebt hatten? Oder konnte er die gelöschten Daten wiederherstellen? Den Schaden, den der Virus angerichtet hatte, beheben?

Er raffte sich auf, atmete tief ein. Den Versuch war es wert. Mit einem kurzen Befehl startete er das Recover-Programm, ließ es Antiviren durch das Siliziumgedächtnis jagen. Nun blieb nur noch eines: Abwarten. Vielleicht konnte er seine Kinder wiederauferstehen lassen, nicht unbedingt vollständig, aber wenigstens teilweise.

Regungslos fixierte er den Monitor.

Nach fünf Minuten schaltete das Gerät sich automatisch auf Fernsehwiedergabe um. Grob gezeichnete Trickfiguren mit orangefarbenen Gesichtern und gelben Haaren wurden sichtbar. [Die Simpsons, »Liebe und Intrige«]

»... zeige ich euch jetzt einen kurzen Aufklärungsfilm«, sagte die Zeichentricklehrerin. »Ezechiel und Ismael: nach dem Wunsch eurer Eltern dürft ihr jetzt raus auf den Gang und für unsere Seelen beten.« Sie schob eine Kassette in den Videorekorder. Es mußte eine sehr alte Animation sein; Rick hatte sie schon ein paarmal gesehen. Richtig: Bart Simpson, dessen Tischgebet lautete: »Dear God. We paid for all this stuff ourselves, so thanks for nothing.«

Und tatsächlich, Bart kam ins Bild und fragte: »Was muß ich machen, um ein Wesen zu erschaffen, das halb Mensch und halb Affe ist?«

Die Lehrerin antwortete: »Solche Dinge bleiben Gott vorbehalten.«

Bart erwiderte: »Gott, Schrott, ich will mein' Affenmensch'!«

Rick bemerkte plötzlich, wie hungrig er war. Die Genesung der Daten konnte lang dauern, er hatte Zeit. Er ging in die Küche, nahm eine Stange Lauch aus dem Kühlschrank, wusch und putze sie langsam und sorgfältig und schnitt sie in Scheiben. In einem Topf bereitete er eine Einbrenne\???, gab den Lauch und einen Gemüsebrühwürfel hinein und goß zwei große Tassen Wasser dazu.

Wieder mußte er warten, betrachtete die Suppe, rührte sie nur gelegentlich um. Nach ein paar Minuten schöpfte er sie in einen tiefen Teller, nahm die Sojasaucenflasche und goß ein paar Tropfen dazu.

Die Spritzer bildeten eine deutlich zu lesenden Text: »Test 123 äöü.« Rick sprang auf und stützte sich an der Wand ab, rutschte aus. Das Poster, das dort hing, " Le vignoble de Bordeaux", zerriß. Er lief ins Arbeitszimmer.

»Hey, Bart, wenn das stimmt, was hier steht«, sagte Barts kleine Schwester Lisa und zeigte auf das Bild einer Hand in einer Zeitschrift, »dann hat der Mensch in einer Million Jahren einen weiteren Finger.«

Bart legte seine Cartoonhand auf die Abbildung. »Fünf Finger? Öh, perverso! -- Hör mal, Liz, ich brauche einen Rat, aber Mom ist nicht da.«

»Warum hast du Daddy nicht gefragt?«

»Hab' ich gemacht, aber ich hab' kein Wort von ihm verstanden. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen besten Freund verraten hab', und er weiß noch nicht mal, daß ich es war.«

Lisa blätterte. »Tja, in einem Artikel in meiner Zeitschrift steht, daß das Schuldgefühl von dem Neurotransmitter Dermotendamin hervorgerufen wird. Dow Chemical entwickelt gerade ein Minzbonbon, welches Schuldgefühle beseitigt, aber das wird leider erst in einem halben Jahr auf den Markt kommen.«

Rick bemerkte etwas auf dem Schreibtisch. Dort lagen zwei winzige, mit bloßem Auge kaum zu sehende -- Embryos. Rosa, feucht. Es war nicht zu erkennen, welcher Spezies sie angehörten. Sie veränderten sich, wuchsen. Gliedmaßen bildeten sich, Fingerchen entstanden, die Embryos entwickelten sich binnen Augenblicken zu daumengroßen Föten. Immer rascher wuchsen sie. Ein Mädchen und ein Junge. Und als sie die Größe von Neugeborenen erreichten, verschwand mit einem Mal der feuchte, glitschige Eindruck, sie wirkten weich und rosig, doch sie hörten nicht auf, sich weiterzuentwickeln. Nach wenigen Minuten krabbelten sie bereits über den Schreibtisch, betatschten den Monitor, der nun auch Ricks Blick fesselte.

Ein anderes Fernsehprogramm lief. [Gott und die Welt: Unter Schweinen und Dämonen] »Die Geschichte mit den Schweinen und mit Jesus ist eine der abenteuerlichsten und geheimnisvollsten, die ich so von Jesus erzählen kann«, sagte ein Mann im Stroh, umringt von Schweinen und Kindern. »... der Mann war verrückt. Offenbar hatte er Dämonen, wie die Leute damals sagten, Dämonen, die in ihm wohnten. Keiner wollte mit ihm zu tun haben. Jetzt kam er auf Jesus zugelaufen und schrie: Jesus, Sohn Gottes, du kommst viel zu früh, du kommst vor der Zeit, laß uns leben. Und wenn du uns schon austreibst aus diesem Menschen, dann schick uns lieber in diese Schweine als sonstwohin, dann können wir wenigstens noch weiterleben.« Die Schweine im Stall grunzten, als wüßten sie um das Schicksal der Schweine in der Geschichte. Illustrationen wurden eingeblendet. »Jesus ging auf diesen Mann zu, faßte ihn an der Schulter, und in diesem Augenblick wurde der Mann ganz ruhig, aber die Schweine, die Schweine wurden auf einmal ganz aufgeregt, quietschten, schrien, grunzten und stürzten sich, alle wie sie da waren, die ganze Schweineherde, die in der Nähe war, ins Meer.«

Einer der Jungen im Stall fragte: »Und warum, äh, stürzten sich die Schweine in den See?« Offenbar hatte er seine spontanen Fragen besser auswendig gelernt als der Erzähler seine Propaganda.

»Weil Schweine offenbar weniger aushalten können als Menschen; wenn sowas wie so 'ne Geisteskrankheit in den Menschen wohnt, das können sie noch irgendwie zitternd und sonstwo aushalten, aber wenn so 'ne Krankheit in Schweine kommt, überhaupt in Tiere kommt«, als ob Menschen keine Tiere seien, sondern dem Pflanzen- oder Mineralreich zuzuordnen, »dann gehen sie zugrunde, dann gehen sie tot. Also, daß sie in den See sich stürzten war nur die Folge davon, daß sie offenbar geisteskrank wurden in diesem Augenblick.« Offenbar.

Filme wurden eingespielt zum Thema "unreine Tiere".

Wieder zurück im Stall fragte ein Mädchen: »Was sind eigentlich Dämonen, gibt's die in echt?«

»Also früher hat man gedacht, die gibt's in echt, das waren so böse Geister, die einfach die Menschen regieren und die in den Kopf, in den Geist reinkommen.«

Die Säuglinge auf dem Schreibtisch waren zu Kleinkindern geworden, deuteten auf die wechselnden Farben des Monitors.

»... und wenn man heute zum Arzt geht und sagt, man hätt' Dämonen, da sagt der natürlich: "Sie haben keine Dämonen, Sie sind einfach traurig, depressiv ... in deiner Seele ist was echt kaputt, und du hast eine dunkle Seite in deiner Seele."«

»Ja«, bemerkte Rick, »das sagt mein Arzt auch immer; wenn ich ihm von meinen Dämonen erzähle, spricht er von der dunklen Seite meiner Seele.« Er starrte den Monitor an, als ob nicht in Minuten um Jahre alternde Kinder auf seinem Schreibtisch säßen. Irgendetwas brachte ihn dazu, dies als natürlich zu akzeptieren und stattdessen fernzusehen, obwohl er ganz sicher war, daß etwas nicht stimmte.

»Kann man Dämonen spüren oder sehen?« wollte ein Mädchen wissen -- fragte es zumindest.

»Du, das ist 'ne interessante Frage, weißt du, wenn ein Mensch krank ist dann merkt man, daß sich um diesen kranken Menschen herum die Atmosphäre ändert, die Luft ändert. Also, wenn man mal genau hinkuckt oder hinriecht, dann merkt man auf einmal, daß kranke Menschen oft riechen oder sogar stinken.«

Jürgen Fliege -- endlich hatt Rick den Erzähler erkannt. Die Kinder saßen aufrecht auf dem Schreibtisch und sahen fern. Ihre Bewegungen wirkten abrupt und künstlich.

»... weil Giftstoffe aus dem Körper kommen, die stinken. Man fastet, und dann kommen Giftstoffe raus. Oder wenn ein normaler Mensch alleine leben muß, der krank ist, und ich komm' da als Pastor in die Bude rein, dann stinkt das schon mal.«

»Kranke stinken, jawohl, Herr Pastor.« Rick schüttelte den Kopf.

»Aber auch wenn Behinderte beispielsweise mal so übern Bürgersteig gehen, dann machen die anderen Menschen einen Bogen drum, als wenn es da um die Leute herum etwas gäbe, was sie -- uah -- gruslig oder fürchtend macht, unsicher und ängstlich macht.«

»Aber wenn es keine Dämonen gibt«, fragte ein Junge, »warum fürchten sich denn die Leute davon?«

Fliege nickte. »Irgendwas muß es geben.«

»Kranke stinken, Behinderte jagen einem einen Schauder über den Rücken -- irgendwas muß es geben, Herr Pastor, Dämonen eben, wie schon die Bibel lehrt, quod erat demonstrandum, Herr Pastor. Und die Kinder, denen Sie diesen Dreck auftischen, glauben Ihnen natürlich.« Wütend wechselte Rick den Sender.

»Schau!« sagte das kleine Mädchen, jetzt etwa vier Jahre alt, und der Blick des Jungen hing gebannt am Monitor. Irgendwo in Rick hämmerte ein kleines Teufelchen gegen die Wand seines Geists und schrie: "Das kann nicht sein!", doch Rick ignorierte es.

»Sieben Tote bei einem Anschlag islamischer Fundamentalisten in Kairo, das war am vergangenen Freitag, vier Bombenattentate der IRA in den vergangenen Tagen in Nordirland mit mehreren Verletzten, in Indien herrscht seit Beginn der Ausschreitungen im Januar [zu Beginn des Jahres] eine tödliche Spannung zwischen Hindus und Moslems, und begründet wird diese Aggression, wo immer sie auch stattfindet mit dem Gott der Christen oder Allah der Muslime oder Krishna\??? der Hindus. "Bete und töte", so der Schlachtruf. Die Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen sind weltweit auf dem Vormarsch. Herr Prof. Greinacher, Sie sind Theologe in Tübingen, leben wir in einem neuen Zeitalter der Religionskriege?«

»Also im strengen Sinne glaube ich nicht, Herr Armbruster ...«

»Ich denke, Herr Professor«, warf Rick ein und wechselte den Kanal, »daß Sie sehr wohl glauben, und das ist genau das Problem und der Grund, warum sie das Offensichtliche leugnen.« [Teleglobus: Töte und bete(Ausschnitt)S3 15. Mai 93]

Die Kinder auf dem Schreibtisch waren nun Teenager, und es war unverkennbar, daß es sich dabei um jüngere Ichs von Juliana und Philip handelte. Das Teufelchen nagte an Rick, doch Rick schüttelte den Kopf, um es zu erschlagen wie ein Hund einen gerissenen Hasen.

»... über den Fall Salman Rushdie«, kam eine Stimme aus den Monitorlautsprechern.

[TV: 9: Gott und die Welt: Cat Stevens; W314. Sep. 92] Yusuf Islam alias Cat Stevens saß vor einem Publikum, und einer der Zuschauer fragte: »Sie sollen gesagt haben, wer den Propheten verleugnet, soll sterben. Stehen Sie zu dieser Aussage?«

»Ja, nach dem islamischen Recht: ja.«

»Der Islam soll eine tolerante Religion sein«, bemerkte ein anderer Zuschauer. »Wie können Sie da eine derart fundamentalistische Haltung einnehmen und jemanden zum Tod verurteilen?«

»Sie müssen abwägen. Der Islam ist tolerant und friedfertig. Islam heißt \??? Frieden. Aber wie erreicht man den Frieden? Wir alle wollen eine ideale Gesellschaft. Nehmen Sie die Zehn Gebote, auch da haben Sie eine Modellgesellschaft. Was aber, wenn Regeln verletzt werden? Dann brauchen Sie Strafen. Um der Gesellschaft den Frieden zu erhalten, brauchen Sie ein Potential der Abschreckung, so würde ich das nennen. Niemand darf Gott und seine Propheten zum Gespött machen.«

Schließlich erreichten Philip und Juliana ihr ursprüngliches Alter, ein Ruck schien durch sie zu laufen, ihre Bewegungen wirkten plötzlich natürlich.

Philip sah sich um wie Catweazle in einem Kernkraftwerk. Juliana baumelte mit den Beinen. »Reichlich umständlich«, sagte sie. »Das wäre sicher auch eleganter lösbar gewesen, aber in anbetracht der knappen Zeit ...« Sie sprang vom Schreibtisch und zog Philip beiseite.

»Was ...?« würgte Rick hervor.

»Augenblick.« Juliana gab dem Rechner ein paar Anweisungen -- und sie und Philip trugen Kleider. »Laß es mich so sagen ...«

Philip hielt eine Gitarre in der Hand. »Was ...?« machte er wie Rick. Dann zupfte er mit roboterhaften Bewegungen mit einer Hand an den Saiten, preßte sie mit der anderen gegen die Stege und sang:

» Imagine there's no heaven
it's easy if you try, ...
«
»Ganz einfach«, bemerkte Juliana, »so, wie sich vorzustellen, es gibt kein Schlaraffenland, kein Oz, und Alice hat nur geträumt.«
» ... no hell below us
above us only sky.
«
»Hinter dem Spiegel ist nur eine Backsteinmauer.«
» Imagine all the people living for today.

Imagine there's no countries
it isn't hard to do,
nothing to kill or die for
and no religion too.
«

»Überhaupt keine derartigen Absurditäten mehr.«

» Imagine all the people living life in peace.
You may say I'm a dreamer, ...
«

»Eigentlich bin ich eher ein Traum als ein Träumer. Aber das weißt du ja, Rick.«
» ... but I'm not the only one.
I hope some day you'll join us,
and the world will be as one.
Imagine no possessions,
I wonder if you can,
no need for greed or hunger,
a brotherhood of man.
«
»Nun, ja, die fehlenden Schwestern und Frauen können wir ihm ausnahmsweise durchgehen lassen.«

» Imagine all the people sharing all the world.
You may say I'm a dreamer,
but I'm not the only one.
«

»Und genau das ist der entscheidende Punkt.« Sie gab dem Rechner ein paar Anweisungen.
» I hope some day you'll join us,
and the world will live as one.
«

Juliana verdoppelte sich: eine zweite trat aus ihr heraus wie bei einer Zellteilung. »Entschuldige den kleinen Spaß«, sagte die erste zu Philip, und die Gitarre verschwand. Die zweite ging zur Tür, teilte sich ebenfalls, zu zweien, vieren. Zu viert liefen sie weiter, unter der Tür vervielfältigten sie sich erneut.

Rick begann sich aus seiner Erstarrung zu lösen. »Das begreife ich nicht«, sagte er. »Wie kommt ihr hierher? Wie kannst du Dinge hier verändern?«

»Genau wie du, Rick, genau wie du.« Sie trat zum Fenster und sah hinaus. Aus der Haustür strömten Julianas, unzählige. »Wundert es dich nicht, daß im Fernsehen gerade so passende Dinge gesendet werden?«

»Unsinn! Ihr seid nur ein paar Daten in einem Rechner, eine Handvoll Bits, die sich beliebig manipulieren lassen, aber dies hier ist real. Ihr könnt das nicht beeinflussen; nicht mehr, als Romanfiguren den Schriftsteller. Es gibt keine Möglichkeit für euch, in die physikalische Realität einzugreifen. Ich beeinflusse mittelbar über euch meine Leser, das ist alles.«

»Aber ist das denn nicht offensichtlich?« fragte Juliana verwundert. Die Julianas draußen füllten die Straße, quollen in Seitengäßchen wie Hefeteig in der Wärme. »Du hast recht, nur virtuelle Realität kann auf eine solche Weise verändert werden, wie du es mit uns gemacht hast -- und ich mit dir. Deine Welt ist an physikalische Gesetzmäßigkeiten ebensowenig gebunden wie unsere.« Bald mußten die Julianas die ganze Stadt überschwemmen, wie der Brei im Märchen\???, wenn sie sich aus Platzmangel auch nur noch langsam teilten. »Dies läßt nur eine Schlußfolgerung zu.«

Rick starrte sie an, als hätte er versucht, die Erde zu umsegeln, und sähe nun den Rand der Welt, über den donnernd die Wassermassen des Ozeans rauschten, vor sich, gefangen in der Strömung, nicht fähig, umzukehren. Die Gewißheit, daß er über den Rand stürzen, mitsamt seinem Schiff in die endlose Leere fallen würde, vor Augen.

»Wir sind Teil einer Geschichte in einer Geschichte, rekursiv. Auch du bist nichts als eine Ansammlung von Daten in einem Computer, eine Simulation, reine Information. Das einzig Wirkliche an deiner Welt, Rick, sind die Fernseheinspielungen. Die kommen von draußen.«

Sommer 1992, Frühjahr 1994

Dies ist noch nicht die endgültige Version des Texts.