Ich heiße Achim und bin ein Mensch ...

(Juli 1995)

... so könnte wohl die Vorstellung bei einem Treffen der Humans Anonymous lauten. Die Frage bleibt, ob Menschsein therapierbar ist.

1963 verließ die erste Frau diesen Planeten. Die Präsidenten Kennedy und Ngô Dinh Diêm wurden ermordet. De Gaulle forderte eine eigene, unabhängige Atomstreitmacht Frankreichs (»Force de frappe«). Valium kam auf den Markt und wurde zu einem der am häufigsten verschriebenen Medikamente. 14000 Menschen starben durch Verkehrsunfälle in der BRD, tausend mehr durch einen Wirbelsturm in Pakistan. Die Aufführung des Stücks »Der Stellvertreter« von Rolf Hochhuth wurde mehrfach gestört, weil es die Unterstützung Hitlers durch Pius XII. kritisierte. Es gab ein neues Projekt eines Tunnels zwischen Frankreich und Großbritannien. Ein zweites deutsches Fernsehprogramm begann zu senden. Wang Tsun-po wurde die völlig abgetrennte Hand ohne bleibenden Schaden wieder angenäht. Ein Computer ermittelte in 85 Minuten eine 2917stellige Primzahl; ohne Rechner wären dafür etwa 80000 Jahre nötig gewesen. Die California Medical Association erklärte als erste medizinische Fachgesellschaft Zigarettenrauchen zu einem Gesundheitsrisiko. 70% der Weltbevölkerung (95% aller Asiaten und Afrikaner) waren unterernährt. Die Militärausgaben betrugen 115,6 Milliarden Dollar. Irgendein Papst starb. Im Dezember wurde ich, ein paar Tage früher als vorgesehen, geboren -- ansonsten hätte ich die Geburt zur Sonnenwende mit mythischen Göttern und Halbgöttern wie Sol, Mithras, Jesus und unzähligen anderen gemein gehabt. Dann geschah viele Jahre lang nichts Erwähnenswertes, bis zur Aberkennung als Kriegsdienstverweigerer, die dazu führte, daß ich meine erste Geschichte schrieb (keine wirkliche Science fiction, wie ich gestehen muß), basierend auf der Tatsache, daß die Prüfungskommissionen weniger Gewissens- als vielmehr gewisse, sprich: christliche, Gründe zu akzeptieren beliebten. Auch im zweiten Verfahren wurde ich nicht anerkannt, so daß ich die Bundesrepublik Deutschland verklagen mußte; nach einigen Jahren (mit einem Bein im Gefängnis, denn daß ich keine Waffe in die Hand nehmen würde, stand für mich fest -- nicht, daß diese psychische Belastung irgendwie das Wort Folter rechtfertigen würde im Vergleich zur Praxis anderer Staaten) wurde der Fall verhandelt, glücklicherweise vor der Kammer, die vier von fünf anerkannte (im Gegensatz zur anderen, bei der die Quote nur knapp ein Drittel betrug, was zeigt, wie objektiv diese Urteile waren). Ich mußte also, weil ich nicht das Morden üben, kein Verbrechen begehen wollte, den, der mich dazu zwingen wollte, verklagen -- und nicht der Beklagte, sondern der Kläger stand, unabhängig vom Ausgang, vor einer Strafe. Das Gericht entschied »für« mich, so daß die Strafe die mildere war: ich hatte das Vergnügen, meinen Zivildienst (während meines Studiums, was nicht gerade studienzeitverkürzend wirkte) in der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung abzuleisten. Immerhin konnte ich einige der dadurch gewonnenen Erfahrungen für die demnächst erscheinende Erzählung »Veni, vidi« verwenden. Mitte der 80er Jahre besuchte o-o Herbert W. Franke die Karlsruher Universität, nicht als Autor, sondern als o-o Informatiker, und er vermittelte ein Stipendium des ORF; dies bedeutete für mich den Einstieg in die Computerkunst, doch als ich vor einigen Jahren auf einer Vernissage gefragt wurde, ob ich mich eher als Wissenschaftler oder als Künstler sähe, antwortete ich spontan: Schriftsteller. Ein Wort kann nun mal mehr sagen als tausend Bilder (denn tausend Bilder sind nicht mehr als vierzig Sekunden Film).

Also zu meinen Texten. Einige Themen tauchen dabei immer wieder auf. Pazifismus wurde bereits angerissen. Konsequent folgt daraus beispielsweise Atheismus und Veganismus -- überhaupt sind die Themen, wie die Abbildung zeigt, eng verflochten, letztendlich aber alle eine Frage -- oder vielmehr Folge -- ethischen Denkens und Handelns.

Beispiel Veganismus: verbietet nicht die Ethik Tierquälerei, Töten von Tieren? Auch die Ökologie spielt eine Rolle, Folgen der Viehzucht sind Grundwasserverseuchung durch Gülle, Waldsterben durch Ammoniak, Treibhauseffekt durch Methan; der Umweg über Tiere ist eine enorme Verschwendung (zum Erzeugen einer tierischen Kalorie werden zirka sieben pflanzliche verwendet), ebenso eine Verschwendung von Anbauflächen; Regenwälder werden brandgerodet, um Weiden zu schaffen usw. usw. Hinzu kommt: aus Drittweltländern werden Nahrungsmittel exportiert und als Viehfutter mißbraucht, während Menschen hungern.

Beispiel Atheismus: Eigentlich sollte das so selbstverständlich sein wie nicht an Feen oder den Osterhasen glauben -- aber schadet andererseits Religion? Glaubensbomben zwischen zwei christlichen Sekten in Nordirland. Krieg zwischen Moslems und Hindus in Indien. Zwanzig, also etwa die Hälfte der derzeit geführten Kriege haben religiöse Ursachen. Der Gotteslästerungsparagraph in Deutschland, der dazu dient, die Meinungsfreiheit einzuschränken und Kritikern den Mund zu verbieten. Hinrichtung wegen Gotteslästerung in Saudi-Arabien. Die Fatwa gegen Salman Rushdie, Taslima Nasrin und viele andere. Militärpfarrer, die Soldaten »gut zureden«. Psychische Schäden durch Indoktrination mit gewaltverherrlichenden biblischen Geschichten (gutgeheißene Morde Gottes: Adam und Eva, die Sintflut, Wiedervereinigung des Roten Meers, Sodom und Gomorrha und unzählige andere). Akute Probleme, verursacht durch Religion. Und das sind nur aktuelle Aspekte, Inquisition, Conquista, die beendeten Religionskriege wurden gar nicht erwähnt. Dies ist keineswegs nur eine unbedeutende Minderheit von Fanatikern, sondern die Spitze des Eisbergs, alle anderen Gläubigen sind zumindest Mitläufer: die Bibeln eines jeden Christen z.B. enthalten das göttliche Gebot, »Hexen« zu töten, dies ist keine Erfindung der Inquisitoren und erst recht nicht mit dem Mittelalter beendet.

All das also Grund genug, etwas dagegen zu tun, Informationen darüber zu verbreiten -- doch wer möchte schon trockene Abhandlungen (wie die oben) darüber lesen? Meist nur die, die es ohnehin schon wissen. Also die bittere Pille in Zucker hüllen (im übertragenen Sinn: raffinierter Zucker wird häufig durch Tierkohle gefiltert, demnach ist nur Rohzucker mit Sicherheit vegan), die Wahrheit, die eigentlich kaum jemand hören will, in Geschichten verpacken.

Ja, ich kann nicht leugnen: von l'art pour l'art halte ich nichts, ich schreibe, um die Welt zu verändern -- niemand könnte ernsthaft behaupten, daß sie es nicht nötig hätte. Dazu ist es offenkundig erforderlich, das Bewußtsein der Menschen für Tatsachen und Zusammenhänge zu ändern, und das ist es, was ich mit den Mitteln sozialkritischer Erzählungen zu tun versuche. Was wäre dafür besser geeignet, als Science fiction?